Warum immer "Bewerbungstraining" als Sofortmaßnahme, Inhalt und Genehmigung von WB

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    • Warum immer "Bewerbungstraining" als Sofortmaßnahme, Inhalt und Genehmigung von WB

      Kurz zu mir:

      Leider hatte ich ein nicht marktgängiges Studium abgeschlossen, so dass trotz Master und mit 1,5 vorzeigbarer Note kein Berufseinsteig möglich war. Am Ende eines Jahres Hartz4 standen 160 erfolglose Bewerbungen, fachnah wie fachfremd.

      Das zuständige Jobcenter verweigerte mir zu Beginn kleinere Weiterbildungsmaßnahmen, die ich vorschlug (z.B. in BWL) und steckte mich als Sofortangebot stattdessen in ein Bewerbungstraining, dass inhaltlich extrem veraltet war (z.B. wurde von einem antichronologischen Lebenslauf abgeraten, der Dozent hatte keine Tipps für Quereinsteiger, usw.) und in dem vom langzeitarbeitslosen Ungelernten mit drei abgebrochenen Ausbildungen bis zum frisch gebackenen Wirtschaftsingenieur so ziemlich alles saß.

      Bei jedem Termin bat ich um eine Weiterbildung, was stets abgelehnt wurde. Als die Jobsuche dann nicht sehr ergebnisreich ausfiel, wollte mein SB mich in eine Maßnahme für Geisteswissenschaftler stecken, die acht Monate dauert und 18.000 EUR gekostet hätte. Ich bat stattdessen um eine Weiterbildung zum SAP-Entwickler in fünf Moanten für 8.000 EUR. Dies wurde zunächst abgelehnt, da nicht meinem erlernten Beruf entsprechend (der übrigens unter allen Akademikern die höchste AL-Quote aufweist, insbes. für Leute unter 35). Erst als ich ihm die Statistik der teuren Weiterbildung vorlegte (70% Vermittlungsquote, aber nach zwei Jahren konnten nur 50% der Absolventen ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft bestreiten und verdienten im Schnitt 1.100 EUR brutto) und viel gutem Zureden erreichte ich eine Umstimmung.

      Von den knappen Resten meines Schonvermögens bezahlte ich aus eigener Tasche zwei kürzerer Weiterbildungen (SAP-Anwender und BWL-Grundlagen), da diese als Voraussetzung für die anvisierte Maßnahme galten (ja genau der Kurs, um den ich als Sofortmaßnahme anstelle des Bewerbungstrainings gebeten hatte - der wäre auch noch günstiger gewesen).

      Nach Abschluss der Entwicklerschulung hatte ich nach drei Bewerbungen drei Zusagen, wöchentlich flatterten Anfragen auf Xing ins Haus, ich verdiene jetzt für die Region und eine Junior-Position sehr ordentlich, die Entwicklungsmöglichkeiten sind hervorragend und ich zahle entsprechend Steuern und Sozialabgaben ein. Eingestellt wurde ich nur wegen der SAP-Entwicklerschulung in Kombination mit meinen selbst bezahlten Grundlagen im Rechnungswesen. Meine Freundin hat, wenn auch in einem anderen Berufsfeld, eine sehr ähnliche Hartz4- und Erwerbsbiographie. Die Stellen waren in den Firmen jeweils schon länger als ein Jahr ausgeschrieben, wir haben also niemanden, der auch ohne staatliche Hilfe das dazu notwendige Wissen erworben hat, einen Job weggenommen.

      Erstmal finde ich es sehr gut, dass es die Möglichkeit auf Weiterbildungen gibt und bin dankbar, denn ohne diese hätte ich die Kurve wohl nicht mehr gekriegt.
      Auf der anderen Seite frage ich mich, warum man z.B. als Sofortmaßnahme nicht gleich etwas Sinnvolles bekommt (sei es fachlich weiterbildend oder sei es auch nur ein Bewerbungstraining das auf das erlernte Berufsfeld zugeschnitten ist) und warum, wenn sich offensichtlich keinerlei Erfolg einstellt, nicht schneller eine Maßnahme genehmigt wird. Unterm Strich wird es für den Steuerzahler doch günstiger, wenn sie Leute mit momentan nicht marktgängigen Abschlüssen nicht erst ein Jahr lang ergebnislos ins Blaue bewerben lassen und stattdessen in passende Weiterbildungen stecken, die gerade am Markt dringend nachgefragtes Spezialwissen vermitteln (was sich wie in meinem Fall der SAP-Entwicklung auch nur bedingt nachweisbar selbst erarbeiten lässt)?

      Grüße
    • Bei sowas frage ich mich immer, warum Weiterbildung in "nachgefragten" Berufen vom Staat bezahlt werden soll. Wenn die Firmen Fachkräfte suchen, dann mögen sie ausbilden und fertig.
      Aber egal, diese Raffke-Mentalität kriegt man wohl nicht raus.

      froyo;289839 schrieb:

      Ich bat stattdessen um eine Weiterbildung zum SAP-Entwickler in fünf Moanten für 8.000 EUR.

      Gerade diese Mini-SAP-Schulungen sind häufig in Verruf, weil man damit nicht unbedingt zur Fachkraft wird, sondern meist nur zum Kaufmann mit Zusatzkenntnissen. Von daher oft unbeliebt bei den finanzierenden Jobcentern.

      froyo;289839 schrieb:

      ...warum man z.B. als Sofortmaßnahme nicht gleich etwas Sinnvolles bekommt...

      Du hast in Deiner ersten Maßnahme einige der Gründe kennengelernt: Langzeitarbeitslose Ungelernte mit drei abgebrochenen Ausbildungen und ähnlich verheerende Erwerbsbiografien, die wegen fehlender Tagesstruktur nicht in der Lage sind, eine anspruchsvolle Maßnahme durchzuhalten. Und das wäre dann rausgeworfenes Geld.
      Ein "Bewerbungstraining" ist einerseits eine gute Schnellhilfe für Menschen mit beruflichen Kenntnissen und Erfahrungen, jedoch fehlender Arbeitssuch-Praxis. Und es kann andererseits Einstieg in eine wirklich zielführende Maßnahme sein.

      Allerdings musst Du noch ganz dringend eines bedenken:
      Das ALG II ist nicht vorrangig dazu gedacht, berufliche Karrieren zu finanzieren. Es ist lediglich Existenzsicherung und Hilfe, möglichst wieder unabhängig davon zu werden.
    • pAp;289851 schrieb:


      Gerade diese Mini-SAP-Schulungen sind häufig in Verruf, weil man damit nicht unbedingt zur Fachkraft wird, sondern meist nur zum Kaufmann mit Zusatzkenntnissen. Von daher oft unbeliebt bei den finanzierenden Jobcentern.


      Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer kurzen zwei- bis dreiwöchigen Basisschulung (die bringt in der Tat nichts, kann man für 450 EUR an jeder Uni machen und selbst die geht schon wesentlich tiefer) oder einer kompletten Beraterausbildung. Denn die wird für eine Firma bei einem Festangestellten aus versch. Gründen um ein Vielfaches teurer. Eine weitere Einarbeitung findet ja trotzdem statt. Ich wurde eben eingestellt, weil die bei mir nur noch ein Jahr dauern wird statt anderthalb bis zwei Jahre wie bei einem kompletten Neuling.


      Du hast in Deiner ersten Maßnahme einige der Gründe kennengelernt: Langzeitarbeitslose Ungelernte mit drei abgebrochenen Ausbildungen und ähnlich verheerende Erwerbsbiografien, die wegen fehlender Tagesstruktur nicht in der Lage sind, eine anspruchsvolle Maßnahme durchzuhalten. Und das wäre dann rausgeworfenes Geld.
      Ein "Bewerbungstraining" ist einerseits eine gute Schnellhilfe für Menschen mit beruflichen Kenntnissen und Erfahrungen, jedoch fehlender Arbeitssuch-Praxis. Und es kann andererseits Einstieg in eine wirklich zielführende Maßnahme sein.


      Natürlich wird es den ein oder anderen geben, der von dieser Maßnahme profitiert hat. Es ging mir um das völlig undifferenzierte Zusammenschmeißen aller Leute, die einen Erstantrag stellen. Ein spezialisiertes Bewerbungstraining z.B. für Ingenieure, für Kaufleute, für Geisteswissenschaftler, für Handwerker ect., mit Dozenten, die Ahnung vom Arbeitsmarkt in den jeweiligen Branchen haben. Alternativ eben eine kurze Weiterbildung (ein BWL'er, der ins Projektmanagement will wird mit einer Prince2 oder ITIL-Zertifizierung einen guten Bonus in der schwierigen ersten Bewerbungsphase haben, ein Handwerker vielleicht mit einem Schweißerschein ect.) Wenn man sowieso 1.000 EUR in jeden Neukunden stecken will, dann kann man das auch so gestalten, dass es sich für dessen Arbeitssuche lohnt. Denn wie dieses Word funktioniert oder eine Onlinemaske aussieht wusste ich auch so.
    • Mal ganz platt gefragt:

      Was unterscheidet Dich denn von den Langzeitarbeitslosen und den Ausbildungsabbrecher?

      Ich sehe aktuell nur die Gemeinsamkeit ALG2.

      Du hast ein aktuell 'wertloses' abgeschlossenes Studium nicht mehr und nicht weniger.
      War die Arbeitsmarktlage nicht schon während des Studiums absehbar?
    • Zuerst Glückwunsch zu der Stelle, mit der du augenscheinlich zufrieden bist.
      Das Berufsfeld "SAP-Entwickler" ist mir mit diesem Terminus weniger bekannt, sofern man die Daten für ERP-Anwendungsentwickler als Vergleich heranziehen kann, schauen die Arbeitsmarktdaten auch nicht allzu schlecht aus.

      Bei der Kritik am Bewerbungstraining sollte man nicht vergessen, dass "Hartz IV" im Grundsatz auch Massenverwaltung ist. Angesichts des auch sehr überschaubaren Personenkreises mit (Fach-)Hochschulabschluss würden eigene Maßnahmen für ein Sofortangebot kaum Sinn machen. Die entsprechenden Dozenten wollen bezahlt werden, so dass die Kalkulation nur aufgeht, wenn bestimmte Plätze fest gebucht sind und auch bezahlt werden.

      Im Übrigen dürfte der Sinn des Bewerbungstrainings nicht nur im Erstellen von Bewerbungsunterlagen liegen oder der Vermittlung grundlegender EDV-Kenntnisse. Der Träger wird ebenfalls Rückmeldung zur Zuverlässigkeit und zum Verhalten der Teilnehmer bekommen. Also Faktoren wie Pünktlichkeit sowie Art und Weise der Mitarbeit. Für die weitere Vermittlungsarbeit ist das auch nicht uninteressant. Wenn es beispielsweise um Umschulungskosten von 15.000 € geht, würde man diese keinem Teilnehmer angedeihen lassen, der sich bereits im Bewerbungstraining durch umfassende Fehlzeiten ausgezeichnet hat.

      Zum angesprochenen Schweißerschein: Der Schein ist für die Vermittlung eines Schweißers kaum bis gar nicht notwendig. In den allermeisten Fällen ist hierbei die Berufserfahrung entscheidend (Stichwort Handfertigkeiten) - der Schein wird primär in Unternehmen, die als Zulieferer bestimmten QM-Kriterien unterliegen, benötigt. Am fehlenden Schein scheitert eine Vermittlung übrigens in den seltensten Fällen.

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